Große Herausforderungen meistern mit "Nano"
14.07.2009 -
Ob Medizin, nachhaltige Energieversorgung oder Umweltschutz, ohne
Nanotechnologie lassen sich die Herausforderungen der Zukunft nicht meistern.
Parallel dazu gelte es aber auch, potenzielle Risiken - etwa von freien
Nanopartikeln - unter die Lupe zu nehmen, so das Fazit der NanoConvention, an
der am 6. Juli in Zürich rund 150 Nano-Interessierte aus Forschung, Industrie,
Verwaltung und dem Finanzsektor teilnahmen.
Ziel der NanoConvention, welche die Empa dieses Jahr bereits zum dritten Mal
ausrichtete, ist es, eine sichere Nanotechnologie als Innovationsmotor für die
Schweizer Wirtschaft und Gesellschaft zu etablieren. "Außerdem hat uns die
Vergangenheit gelehrt, dass neue Technologien auch immer den Weg aus dem
Elfenbeinturm auf die Straße - also zu den Menschen - finden müssen", erklärt
Hans Hug, Leiter des Empa-Forschungsprogramms "Nanotechnologie". Ein früher,
offener und möglichst breiter Dialog über Chancen und Risiken sei daher
notwendig.
Ein Gebiet, in dem Prof. Wolfgang Heckl, Physiker an der
Ludwig-Maximilians-Universität und Generaldirektor des Deutschen Museums in
München, schon seit längerem aktiv ist. "Einerseits sind die Menschen fasziniert
von "verborgener" Forschung", so Heckl. Das gelte ganz speziell auch für die
Nanotechnologie, die sich ja im unsichtbar Kleinen abspielt. Andererseits seien
viele aber auch durch "Informationssplitter" aus den Medien darüber beunruhigt,
was Nanotechnologie angeblich alles anrichten könne.
Um die Nanowissenschaften transparenter zu machen, richtete das Deutsche Museum
ein gläsernes Nano-Labor ein. Ab November arbeiten Physikerinnen, Chemiker,
Molekularbiologinnen und Materialforscher im neu erbauten "Zentrum Neue
Technologien" unter realen Bedingungen - und bringen Besuchern Nanotechnologie
näher. Heckl ist überzeugt, dass Glaubwürdigkeit und Vertrauen nur dann
entstehen, wenn "die Menschen nicht nur die Nanoforschung, sondern auch die
Forschenden im wahrsten Sinn des Wortes begreifen können."
Wie die Gesellschaft mit neuen Technologien umgeht, welche ethischen und
gesellschaftlichen Konsequenzen etwa die Nanotechnologie nach sich zieht, damit
beschäftigt sich Alfred Nordmann, der das "nanobüro" an der TU Darmstadt leitet.
Der Philosoph warnt vor einer allzu weit vorausschauenden, "futuristischen" oder
"spekulativen" Ethik, die bereits sämtlichen möglichen (und unmöglichen)
zukünftigen Anwendungen Rechnung trägt. "Anstatt alle vorstellbaren Anwendungen
und deren Auswirkungen abzuwägen, sollten wir uns lieber mit Fragen
beschäftigen, die schon heute Einfluss auf die Forschung in der Nanotechnologie
haben", sagt Nordmann.
So konzentrieren sich etwa im Bereich der medizinischen Diagnostik schon heute
die größten Befürchtungen auf die Frage, wie wir denn in Zukunft mit den zu
erwartenden neuen diagnostischen Tests für Krankheiten umgehen sollten, für die
es noch keine Therapien gebe. Nordmann: "Vielleicht sollten wir uns vielmehr
darüber Gedanken machen, wie eine personalisierte Gesundheitsversorgung die
Beziehung zwischen Arzt und Patient verändern wird - eine Tendenz, die bereits
heute zu beobachten ist."
Dass Diagnoseverfahren dank Nanotechnologie bereits merklich verbessert werden
konnten, zeigt zum Beispiel ein Bluttest für Dickdarmkrebs, den Gerd Grenner,
CTO von Roche Diagnostics, vorstellte. Dabei werden Blutproben in so genannten
Mikroarray-Chips auf sechs verschiedene Proteine getestet, die eine
Krebserkrankung anzeigen können. Über Nanopartikel, die je nach Größe in
unterschiedlichen Farben fluoreszieren, lassen sich die sechs Tumormarker
simultan nachweisen, was die Sensitivität des Tests - der Anteil Erkrankter, die
der Test korrekt identifiziert - von rund 30 Prozent mit einem einzelnen Protein
auf 70 Prozent erhöht.
Auch für die Therapie verspricht die Nanotechnologie einiges. Andreas Jordan
entwickelt mit seiner Firma MagForce Nanotechnologies AG in Berlin
beispielsweise eine neuartige Krebsbehandlung, bei der magnetische Nanopartikel
mit Hilfe dreidimensionaler bildgebender Verfahren direkt und präzise ins
Tumorgewebe injiziert werden. Nach Anlegen eines magnetischen Wechselfeldes
heizen sich die Partikel - und mit ihnen der Tumor - durch magnetische Kopplung
auf bis zu 75 Grad Celsius auf. Das zerstört den Tumor, das umliegende gesunde
Gewebe wird jedoch kaum geschädigt.
Die Idee, mit Hitze Tumore zu zerstören, sei altbekannt, so Jordan. Allerdings
gelang es bislang nie, spezifisch den Tumor zu erhitzen, ohne dabei auch das
umgebende Gewebe in Mitleidenschaft zu ziehen. "Durch Nanotechnologie wird uns
dieser Durchbruch gelingen", ist Jordan sicher. Ergebnisse aus klinischen
Studien mit Patienten, die an einem Glioblastom - einem besonders bösartigen
Hirntumor - litten, seien ermutigend. So konnte die durchschnittliche
Lebenserwartung laut Jordan von rund einem Jahr ab Diagnose "deutlich gesteigert
werden"; detaillierte Ergebnisse würden Ende Jahr präsentiert werden.
Neben medizinischen Anwendungen standen Energie- und Umweltfragen im Zentrum der
NanoConvention, wie etwa: Wodurch sollen wir unseren immer größer werdenden
Energiehunger decken, wenn die Erdölvorkommen leer gepumpt sind? Nahe liegende
Antwort: durch die Sonne. So wandeln Solarzellen bereits seit Jahren
Sonnenenergie in elektrischen Strom um. Christophe Ballif und sein Team von der
"Außenstelle" der EPF Lausanne an der Universität Neuchâtel entwickeln
Dünnschichtsolarzellen auf Siliziumbasis. Ihr Vorteil im Vergleich zu
konventionellen Solarzellen sind ein geringerer Material- und Energieverbrauch
in der Produktion.
Dagegen haben Dünnschichtsolarzellen mit rund 10 Prozent einen tieferen
Wirkungsgrad. Diesen zu steigern, ist Ballifs Ziel. Dabei helfen sollen
Nanolayers, also ultradünne Schichten im Nanometerbereich etwa aus Zinkoxid, die
das eintreffende Sonnenlicht reflektieren und streuen. Dadurch gelangt deutlich
mehr Licht in die Siliziumschichten, die dieses in Strom umwandeln; der
Wirkungsgrad dürfte sich so auf bis zu 14 Prozent steigern lassen, ist Ballif
überzeugt.
Auch zur Lösung des "Wasser-Paradoxon", wie Jean-Pierre Petit von der Georg
Fischer AG es nannte, könnten Erkenntnisse aus dem Nano-Kosmos beitragen. Denn
sauberes Trinkwasser dürfte in absehbarer Zukunft selbst in den
industrialisierten Ländern ein rares - und entsprechend teures Gut - werden;
andererseits befindet sich genug Wasser in den Ozeanen. Doch wie kann dieses
genutzt werden?
Zum Beispiel durch Nanofiltrationsanlagen, deren Membranen mit einem
Porendurchmesser von rund 10 Nanometern nicht nur Bakterien, sondern auch Viren
zuverlässig zurückhalten können. Diese Technologie erlaubt es, verschmutztes
Flusswasser oder sogar Abwasser zu Trinkwasser aufzubereiten. Eine derartige
Anlage steht in Singapur, das über keine natürlichen Süsswasserquellen verfügt.
Membranen mit noch feineren Poren, die nur noch Wassermoleküle, nicht aber Ionen
durchlassen, werden für die so genannte Umkehrosmose eingesetzt: Wasser wird mit
Druck gegen das Konzentrationsgefälle durch die Membran gepresst. Dadurch wird
der natürliche Prozess der Osmose umgekehrt, aus Salzwasser wird Trinkwasser.
Bei allem Optimismus gingen an der NanoConvention potenzielle Risiken rund um
nanotechnologische Anwendungen nicht vergessen. Mitte Juni wurde das vom
deutschen Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) finanzierte "NanoCare"-Projekt
erfolgreich abgeschlossen. Unter der Leitung von Empa-Forscher Harald Krug
erarbeiteten 16 Partner aus Industrie und Forschung standardisierte Verfahren
für eine Risikoüberprüfung von Nanomaterialien und -produkten, unter anderem
Methoden, um die Toxizität von Nanopartikeln mit Hilfe von Zelltests und
Inhalationsstudien an Ratten zu beurteilen, oder Verfahren, um die Aufnahme von
Nanopartikel in Körperzellen zu erfassen. "Standardisierte Verfahren fehlten im
Bereich Nanotoxikologie bislang völlig; jeder hat getestet, was und wie er
wollte. Das erklärt die zum Teil höchst widersprüchlichen Ergebnisse", sagt
Krug.
Das NanoCare-Konsortium konzentrierte sich auf die 11 am häufigsten industriell
eingesetzten Nanomaterialien wie Zinkoxid (in kosmetischen Produkten),
Bariumsulfat (zur Stabilisierung von Kunststoffen), Strontiumcarbonat (in
Keramikglasuren) und Titandioxid, das in Sonnencrèmes und vielen weiteren
Anwendungen zum Einsatz kommt. Vorläufiges Ergebnis: Die getesteten Materialien
geben nach derzeitigem Wissensstand keinen Anlass zur Besorgnis. Allerdings, so
räumt der Toxikologe Krug ein, seien chronische Auswirkungen noch nicht
ausreichend untersucht.
Den Nano-Forschern geht also die Arbeit in nächster Zeit kaum aus. Dass sich der
Aufwand lohnt, darüber herrschte an der NanoConvention Einstimmigkeit. Denn:
"Nanotechnologie ist nicht DIE Lösung für die großen Probleme der Zukunft,
sicher aber eine davon", bringt es Péter Krüger von der Bayer MaterialScience AG
auf den Punkt.
Neues
Nanomaterial tötet antibiotikaresistente Bakterien
23.09.2009 - Ein münstersches Forscherteam hat ein bislang
einzigartiges Nanomaterial entwickelt, das antibiotikaresistente Bakterien
abtötet. An der Arbeit beteiligt waren Forscher der Universität Münster und des
CeNTech ("Center for NanoTechnology") - Chemiker um Prof. Dr. Luisa De Cola und
Biologen um Prof. Dr. Berenike Maier. "Unsere Ergebnisse sind eine Premiere. Wir
haben erstmals gezeigt, dass es möglich ist, Nanopartikel mit folgenden drei
Funktionen auszustatten: Die Partikel heften sich gezielt an Bakterien an,
markieren sie und töten sie schließlich ab", sagt Dr. Cristian Strassert vom
Physikalischen Institut der WWU, der an der Studie federführend mitgewirkt hat.
Als Ausgangsmaterial verwenden die Forscher so genannte Zeolith-L-Nanokristalle.
In einem einfachen und kostengünstigen Verfahren werden diese Nanopartikel mit
einer Komponente versehen, durch die eine Anheftung der Partikel an die
Bakterienoberfläche ermöglicht wird. Zusätzlich werden die Partikel mit einem
Farbstoff ausgestattet, der unter dem Fluoreszenzmikroskop grün leuchtet und die
Bakterien sichtbar macht.
Die Wirksamkeit der Nanopartikel beruht auf der Methode der "photodynamischen
Therapie": Bei Bestrahlung mit Licht wird eine Reaktion in Gang gesetzt, durch
die die Bakterienzellen abgetötet werden. Dazu heften die Forscher einen dritten
Stoff an die Nanokristalle an, der durch rotes Licht aktiviert wird und
bestimmte aggressive Sauerstoff-Moleküle erzeugt. Diese Sauerstoff-Moleküle - "Singulett-Sauerstoff"
- starten eine Reaktionskette, welche die Bakterienzelle zerstört.
Bislang heften sich die neuen Nanopartikel über elektrostatische Wechselwirkung
an Bakterienarten mit bestimmten Oberflächeneigenschaften ("Gram-negativ") an.
Die Forscher arbeiten nun daran an, die Bindung auch an andere Bakterienarten zu
ermöglichen und die Bindungsspezifität zu erhöhen. Dann könnte die Methode in
Zukunft gezielt eingesetzt werden, um bestimmte Bakterien bei lokalisierten
Erkrankungen zu bekämpfen.
"Darüber hinaus überlegen wir, ob die Methode nicht nur bei der Bekämpfung
antibiotikaresistenter Bakterien eingesetzt werden könnte, sondern auch bei der
Behandlung von Hautkrebs", sagt Strassert. Dazu wollen die Wissenschaftler die
Nanopartikel dazu bringen, gezielt an Krebszellen zu binden. "Falls das klappt,
wäre es denkbar, dass die Nanopartikel in Zukunft in einer Creme auf die Haut
aufgetragen werden könnten", beschreibt Strassert seine Vision. "Durch
Beleuchtung könnten die Partikel dann aktiviert und die Krebszellen zerstört
werden."
Originalveröffentlichung:
Strassert C.A. et al.; "Photoactive Hybrid Nanomaterial for
Targeting, Labeling, and Killing Antibiotic-Resistant Bacteria"; Angew.
Chem. Int. Ed. 2009, 48, 1-5
