Aluminium mit Fullerenen ähnlich hart wie Stahl
21.07.2010 - Russische Forscher von Siemens Corporate Technology (CT) verwenden
besondere Nanopartikel aus Kohlenstoff, um Materialien zu optimieren: Sie
versetzen Aluminium mit Fullerenen,
das sind Moleküle aus 60 Kohlenstoffatomen in der Form eines Fußballs.
Der neue
Werkstoff ist etwa dreimal so hart wie herkömmliche Verbundstoffe, wiegt jedoch
viel weniger. Mit dem leichten, aber festen Aluminium ließe sich die Leistung
von Kompressoren, Turboladern und Motoren steigern.
Die Fullerene aus reinem Kohlenstoff
haben hohe mechanische Stabilität bei niedrigem Gewicht. Aluminium und C60 wird
in einer Argon-Atmosphäre zu kleinen Körnchen mit einem Durchmesser von wenigen
Nanometer oder Millionstel Millimeter zermahlen. Beide Stoffe verbinden sich
dann miteinander zu dem neuen Material. Spezielle Mühlen mahlen das Aluminium.
Das superfeine Pulver wird zu einem neuen Werkstoff gepresst. Etwa ein
Gewichtsprozent der Fullerene reicht
bereits aus, um dem Material genug Härte zu geben. Für das harte Aluminium hat
Siemens verschiedene Anwendungen im Visier: Turbinen mit leichteren Rotoren
können höhere Drehzahlen liefern und Kompressoren oder Motoren effizienter
machen. Man könnte supraleitende Kabel damit beschichten, um ihre Stabilität zu
verbessern. Dann hielten sie stärkeren Strömen stand und Geräte wie
Magnetresonanztomographen würden leistungsfähiger. Weil
Fullerene die elektrische
Leitfähigkeit des Aluminiums kaum beeinträchtigen, könnte man damit Stromkabel
aus Aluminium dünner machen und Material sparen.
In einem weiteren Projekt verbesserten die CT-Forscher sogenannte
Thermoelektrika. Diese Materialien erzeugen aus einem Temperaturunterschied eine
elektrische Spannung und gewinnen so aus der Abwärme eines Geräts Energie. Mit
dem Technological Institute for Superhard and Novel Carbon Materials (TISNCM) in
Troisk bei Moskau erhöhten sie die Leistungsfähigkeit von Thermoelektrika um 20
Prozent. Die Fullerene hemmen die
Wärmeleitfähigkeit und halten so mehr die umzuwandelnde Wärme im Material. Die
Forscher erwarten, dass sie aus einer Temperaturdifferenz von 100 Grad mit einer
Fläche von 100 Quadratzentimetern rund 50 Watt Energie gewinnen können.
Lithium - genug für Milliarden Elektroautos und mehr
03.08.2010 - Wird der Ausbau der Elektromobilität an zu geringen
Lithiumvorkommen scheitern? Eine Metastudie des Zentrums für Sonnenenergie- und
Wasserstoff-Forschung (ZSW) hat jetzt die Verfügbarkeit des Leichtmetalls
untersucht. Das Fazit: Es sind genug Lithium-Quellen für Milliarden Elektroautos
und andere Anwendungen vorhanden, die Produktionskapazitäten können dem
künftigen Bedarf aller Voraussicht nach folgen. Um die Auswirkungen steigender
Rohstoffkosten auf die Batteriekosten zu verringern und die
Rohstoffversorgungssicherheit zu erhöhen, seien aber weitergehende Forschungs-
und Entwicklungsanstrengungen notwendig, etwa beim Recycling und für neue
Batteriematerialien. Das biete auch eine Chance für die deutsche Wirtschaft.
Bisher wird Lithium besonders für die Produktion von Glas und Keramik benötigt.
Der zweitgrößte Anwendungsbereich sind Lithium-Ionen Batterien. Sie sorgen vor
allem in Laptops und Mobiltelefonen für die Stromversorgung. Zukünftig könnte
mit dem Lithiumbedarf für die geplanten Großbatterien in Elektroautos der
Rohstoffbedarf zusätzlich um ein Vielfaches steigen.
In der Verfügbarkeitsstudie haben die ZSW-Forscher zahlreiche Quellen und
Einzelstudien ausgewertet. "Es sind ausreichend identifizierte Lithium-Quellen
vorhanden und neue Produktionskapazitäten für Lithium geplant", erklärt Autor
Benjamin Schott. "Zwischen 135 und 160 Millionen Tonnen Lithiumcarbonat-Äquivalenten
sind weltweit bekannt. Das reicht für rund zehn Milliarden Elektrofahrzeuge.
Rein rechnerisch könnte damit die weltweite jährliche Produktion von 50
Millionen Fahrzeugen 200 Jahre lang mit Lithium-Batterien ausgestattet werden."
Auch für andere Anwendungen sei daher genug Lithium vorhanden.
Das Risiko einer Versorgungslücke besteht für das ZSW dabei vor allem durch die
lange Vorlaufzeit beim Aufbau von neuen Produktionsstandorten. Der Großteil der
Lithium-Ressourcen liege außerdem in politisch weniger stabilen Ländern, etwa
Bolivien und Chile. Um die Rohstoffabhängigkeit zu mindern und die Auswirkungen
höherer Lithiumpreise auf die Batteriekosten zu verringern, seien deshalb
weitergehende Forschungs- und Entwicklungsanstrengungen notwendig.
Im Fokus stehen für die Forscher die Entwicklung einer geeigneten
Recyclingwirtschaft und die langfristige Erforschung neuer, noch
leistungsfähigerer Batterietechnologien, die vorzugsweise eine bessere
Rohstoffversorgungssicherheit garantieren. Für die deutsche Wirtschaft eröffnen
sich hier vielfältige neue Wertschöpfungschancen - und die Möglichkeit einen
Spitzenplatz in diesem Wirtschaftssektor zu erobern.
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Platin plus Licht gegen Krebs
15.09.2010 - Nach wie vor ist die Forschung auf der Suche nach einer
Krebstherapie, die effektiv Tumorzellen zerstört, umgebendes gesundes Gewebe und
den Organismus aber schont. Ein interessanter Ansatz wäre ein lichtaktivierter
Wirkstoff: Eine inaktive Vorstufe wird verabreicht, das kranke Gewebe gezielt
bestrahlt und das Pharmakon so nur lokal in seine cytotoxische Form gebracht.
Peter J. Sadler und seine Kollegen von den Universitäten Warwick und Edinburgh
sowie dem Ninewells Hospital in Dundee haben einen neuen Platin-Komplex
entwickelt, der dafür geeignet wäre. Wie die britischen Forscher in der
Zeitschrift Angewandte Chemie berichten, zeigte sich der neue Wirkstoff
herkömmlichem Cisplatin überlegen.
Die Herausforderung bei der Herstellung photoaktivierbarer Cytostatika: Die
inaktive Form muss thermisch stabil sein und ihre Zielorte, beispielsweise die
DNA der erkrankten Zellen, vor der Bestrahlung in intakter Form erreichen. Dazu
müssen sie vor allem gegenüber reaktiven Biomolekülen resistent sein, wie dem
reduzierend wirkenden Glutathion, das in hohen Konzentrationen in allen Zellen
vorkommt. "Eine weitere Herausforderung besteht darin, die Wellenlänge zu
kontrollieren, mit der der Wirkstoff aktiviert werden kann," sagt Sadler. "Denn
die Wellelänge bestimmt, wie tief das Licht in das bestrahlte Gewebe eindringt.
Längere Wellenlängen dringen tiefer ein als kürzere."
Platin-Komplexe sind erprobte Antitumormittel. Prominentestes Beispiel ist
Cisplatin. Platintherapeutika haben jedoch starke Nebenwirkungen. Sadler und
seine Kollegen hoffen, dass sich diese mit photoaktivierbaren Platintherapeutika
mildern lassen. Dazu haben sie einen neuen Platinkomplex entwickelt, der zwei
Azido- (N3), zwei Hydroxy- (OH-) und zwei Pyridin-Liganden enthält. In seiner
inaktiven Form zeigt der Komplex die geforderte Stabilität, auch gegenüber
reaktiven Biomolekülen. "Das Besondere: Unser neuer Komplex lässt sich nicht nur
mit UV-Licht aktivieren", berichtet Sadler, "sondern auch mit geringen Dosen
blauen oder grünen Lichts." Bei der Lichtaktivierung entsteht eine hochwirksame
cytotoxische Verbindung, die sich gegenüber einer ganzen Reihe getesteter
Krebszelllinien als wesentlich wirksamer erwies als Cisplatin. Sadler: "Der
Wirkmechanismus ist dabei offenbar ein anderer als bei Cisplatin. Vermutlich
liegt dies an den beiden Pyridin-Liganden, die auch nach der Photoaktivierung an
das Platin gebunden bleiben."
"Wir hoffen, dass eine Therapie mit lichtaktivierten Platin-Komplexen auch
Krebsarten behandelbar macht, die bisher nicht auf eine Chemotherapie mit
Platinverbindungen reagiert haben", so Sadler. "Auch Tumore, die Resistenzen
gegenüber herkömmlichen Platintherapeutika entwickelt haben, könnten darauf
ansprechen."
Physik-Nobelpreis - atomarer
Kaninchendraht für Super-Chips
Als im April 1997 das Foto eines in der Luft schwebenden Froschs (siehe
Video unten) in der Zeitschrift Physics World erschien, lachten
viele Physiker über den scheinbaren Aprilscherz. Das Lachen blieb ihnen im
Halse stecken, als sie erfuhren, dass
Andre Geim
den Frosch tatsächlich zum
Fliegen gebracht hatte. Mithilfe eines starken Magneten war es ihm gelungen,
die Wassermoleküle im Körper der Amphibie so auszurichten, dass diese – wie
ein Astronaut in der Schwerelosigkeit – durch die Luft trudelte.
"Wenn
man keinen Sinn für Humor hat, ist man in der Regel auch kein guter
Wissenschaftler", kommentierte
Geim. "Die Leute verstehen nicht, dass gute
Wissenschaft nicht unbedingt langweilig sein muss". Die rechte Anerkennung
blieb ihm allerdings versagt. Der heitere Physiker bekam für sein
Froschexperiment nur den satirischen "Ig-Nobelpreis" (von engl. ignoble
: unwürdig, schmachvoll) verliehen.
"Schwebender Frosch"
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Jetzt lästert
niemand mehr über
Geim. Nach dem "Ig-Nobel"
erhält er nun auch den echten
Nobelpreis zugesprochen. Damit ist er der erste Mensch überhaupt, dem beide
Ehrungen zuteil wurden. Ausgezeichnet wird er zusammen mit Konstantin
Novoselov, für die Entdeckung des
Graphens.
Graphen
besteht aus einer einzelnen Lage von Kohlenstoffatomen, die wie ein
Maschendraht angeordnet sind
(Bilder unten). Dieser atomare Kaninchendraht hat zahlreiche
bemerkenswerte Eigenschaften: So ist
Graphen, gemessen an seiner Dicke, so
stabil wie nichts sonst auf der Welt. «Es ist 100 mal so kräftig wie Stahl»,
schwärmt etwa Nobel-Juror Per Delsing in Stockholm. Und dabei federleicht: «Ein
Quadratmeter wiegt nur tausendstel Gramm», erläutert der Präsident der Deutschen
Physikalischen Gesellschaft, Wolfgang Sandner. «Eine Hängematte aus
Graphen wäre
in der Lage, eine Katze zu tragen, obwohl die Hängematte wesentlich dünner wäre
als ein einzelnes Barthaar der Katze.»
Der Stoff ist außerdem extrem dehnbar und leitet Hitze und elektrischen Strom
besonders gut. So hat etwa der Computerriese IBM bereits einen Transistor aus
Graphen gebaut, einen elektronischen Schalter, der sich 100 Milliarden Mal pro
Sekunde an- und ausschalten kann. Mit dieser Schaltfrequenz von 100 Gigahertz
ist der Transistor den besten Modellen aus herkömmlichem Silizium um mindestens
das Zehnfache überlegen.
«Man munkelt,
Graphen sei das nächste Silizium», sagte Geim kürzlich der
Nachrichtenagentur dpa. «All' das ist zurzeit aber nur Spekulation. Wir wissen
noch nicht genug über
Graphen, um das jetzt zu beurteilen.» Hunderte mögliche
Anwendungen des Materials werden diskutiert. Darunter sind intelligente
Fensterscheiben, die die Sonneneinstrahlung regulieren, ultradünne Touchscreens,
rollbare Leuchtdioden und neue Beschichtungen für Solarzellen.
Der atomare Kaninchendraht ist so engmaschig, dass er nicht einmal die kleinsten
Gasmoleküle passieren lässt, die wir kennen, das Helium. Außerdem hat das «Wundermaterial»
eine Eigenschaft, die es von fast allem auf der Welt unterscheidet: Ihm fehlt
die dritte Dimension. «Alles um uns herum hat Länge, Breite und Dicke»,
erläutert Geim.
Graphen dagegen fehlt die Dicke, es besteht nur aus einer
einzelnen Atomlage. Wozu sich das ausnutzen lässt, ist derzeit weitgehend
Spekulation.
Die Entdeckungsgeschichte von
Graphen ist ähnlich bemerkenswert wie das Material
selbst: Alles begann als Spielerei, wie Geims Laborkollege Novoselov einmal
erzählte. An der Universität von Manchester, wo die beiden Physiker russischer
Herkunft arbeiten, pflegen sie die Tradition, einen kleinen Teil ihrer
Arbeitszeit mit «verrückten» Experimenten zu verbringen, mit Spielereien.
So sei
auch die Idee entstanden, einzelne Atomlagen aus einer Graphitschicht per
Klebeband herauszulösen.
"Wir haben einfach immer weitergemacht, bis wir irgendwann eine einzelne Schicht
entdeckten:
Graphen", schilderte Geim der dpa. Und zum Erstaunen der Forscher
zersetzte es sich nicht, sondern blieb bei Raumtemperatur und an der Luft stabil.
«Man dachte immer, dass solche extrem dünnen Substanzen instabil sind.
Die Entdeckung ist erst sechs Jahre alt. Dennoch ist die Auszeichnung nicht
verfrüht, findet Physiker-Präsident Sandner: «Auch wenn wir die Anwendungsbreite
jetzt noch nicht kennen, ist es ein sehr gereiftes Gebiet und durchaus
nobelpreiswürdig.»
Geim rechnet in rund fünf Jahren mit den ersten kommerziellen Anwendungen.
Welche das sein werden, erwartet der frisch gekürte Nobelpreisträger selber mit
Spannung: «Das weiß ich erst, wenn die Produkte im Supermarktregal stehen.»
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Graphen |
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08.02.2011
Noch gibt es keine Produkte, die Graphen enthalten, aber Graphen
ermöglicht es, schnelle Transistoren (mehr als 100 Gigahertz) zu
entwickeln, die viel schneller wären, als die bisher in Computerchips
verwendeten Silizium-Transistoren. Graphen hat damit ein enormes
wirtschaftliches Potenzial. In Zukunft könnten Graphen-basierte Produkte
millionenfach in Computern, Solarzellen oder Displays eingesetzt werden. |
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In Bielefeld
hat die Zukunft dazu schon begonnen: Armin Gölzhäuser und Andrey Turchanin gehen
die ersten Schritte von der Grundlagenforschung in die Anwendung. Ihr Ziel ist
es, Graphen für die Massenproduktion fit zu machen. Sie haben
physikalisch-chemische Verfahren entwickelt, um Graphen aus organischen
Molekülen herzustellen. Dazu bringen sie sehr dünne Lagen von Molekülen auf
Metalloberflächen auf. Durch eine Bestrahlung mit Elektronen werden die
einzelnen Moleküle zu einer geschlossenen Schicht verbunden, die sich bei
Erhitzen unter Luftabschluss in Graphen umwandelt.
Turchanin und
Gölzhäuser möchten diese sehr einfache Herstellungsmethode nutzen, um große
Mengen an Graphen, zum Beispiel für elektronische Bauteile herzustellen. So
könnte Graphen statt den heute verwendeten Indium-basierten Materialien
Flüssigkristallanzeigen (LCDs) revolutionieren, die in Flachbildschirmen,
Monitoren und Handys verwendet werden. Dies ist besonders wichtig, da die
weltweiten Indium-Vorräte nur noch wenige Jahre reichen. Für diese Forschung
wurden Turchanin und Gölzhäuser jetzt von der DFG und dem BMBF insgesamt circa 1
Mio. Euro bereitgestellt.
In
interdisziplinären Projekten arbeiten Physiker, Chemiker,
Materialwissenschaftler und Ingenieure zum Thema „Graphen“. Partnerinstitute der
Bielefelder Wissenschaftler sind die Physikalisch-Technische Bundesanstalt
(Braunschweig), das Max-Planck-Institut für Polymerforschung (Mainz), die RWTH
Aachen und die Humboldt-Universität zu Berlin. Diese Verbünde werden von
Bielefeld aus koordiniert.
Klappe zu,
Fliege tot
10.11.2010 - Die Venusfliegenfalle ist eine
fleischfressende Pflanze, die Insekten mit Flüssigkeittröpfchen anlockt. Sobald
das Insekt eine der haarfeinen Borsten in der Falle berührt, klappt diese wie
ein Fangeisen zu, die Beute sitzt fest - und wird verdaut. Minoru Ueda und ein
Forscherteam von den Universitäten Tohoku, Hirosaki und Hiroshima (Japan) haben
nun zwei chemische Faktoren gefunden, die das Zuklappen der Fallen auslösen. Wie
die Wissenschaftler in der Zeitschrift ChemBioChem berichten, lassen diese,
künstlich zugeführt, die Fallen auch ohne Stimulation der Borsten zuschnappen.
"Venusfliegenfalle"
<-- Nach dem Anklicken --> "Diesen Inhalt in einem neuen Fenster öffnen"
.Die Venusfliegenfalle hat ein "Gedächtnis":
Um nicht auf jeden "falschen Alarm" zu reagieren, klappt die Pflanze ihre Falle
nicht gleich bei der ersten Brührung ihrer Borsten zu, sondern es müssen
mindestens zwei Reize innerhalb von 30 Sekunden stattfinden. Dann aber geht es
schnell, damit die Beute nicht noch im letzten Augenblick entkommen kann. Wie
funktioniert dieses Gedächtnis der Fallenblätter? Die Hypothese ist, dass
bestimmte chemische Botenstoffe als Antwort auf jeden Reiz der Borsten
schrittweise ausgeschüttet werden und akkumulieren. Erst wenn eine bestimmte
Schwellenkonzentration erreicht ist, wird – ähnlich wie bei der Reizleitung in
unseren Nervenzellen - über das Öffnen eines Ionenkanals ein Aktionspotenzial
ausgelöst, welches dann die Fallenblätter zuklappen lässt.
Die Forscher klonierten einen genetisch einheitlichen Venusfliegenfallen-Stamm.
Sie stellten einen Extrakt daraus her und trennten ihn in verschiedene
Fraktionen auf. Einzelne Fallen schnitten sie ab und stellten sie mit ihren
Stängeln in Lösungen der verschiedenen Extraktfraktionen. Die Pflanzenteile sind
in der Lage, die Flüssigkeit aufzusaugen. Manche Fraktionen lösten das
Zuschnappen der Fallen aus, ohne dass deren Borsten gereizt wurden. Die aktiven
Fraktionen trennten die Wissenschaftler mit verschiedenen Methoden immer weiter
auf und testeten sie. Am Ende gelang es den Forschern, zwei Substanzen zu
isolieren, die das Zuschnappen der Fallen auslösen. Eine davon ließ sich
mithilfe verschiedener Analysemethoden identifizieren. Die aktive Substanz
scheint das Kaliumsalz eines glucosehaltigen Abkömmlings der Jasmonsäure zu
sein, eines verbreiteten pflanzlichen Hormons. Der zweite isolierte Botenstoff
hat eine höhere Molmasse. Er besteht aus einer Vielzahl verschiedener
Zuckerbausteine, die sich wegen der bisher nur sehr geringen isolierten Mengen
nicht komplett identifizieren ließen.
Versuche mit verschiedenen Konzentrationen und Mengen botenstoffhaltiger
Lösungen ergaben, dass das Schließen der Fallen nicht von einer bestimmten
Konzentration der Botenstoffe abhängt, sondern allein von der absoluten Menge
der aufgenommenen Substanz. Dies untermauert die Hypothese, dass ein
Schwellenwert überschritten werden muss, um das Zuschnappen der
Venusfliegenfalle auszulösen.